280px-Flag_of_Italy.svg2000px-Flag_of_the_United_Kingdom.svg

 

Ist die Kunst der griechischen Antike heute noch relevant? Jede Kunst wird, ab einem bestimmten Alter, von späteren Gesellschaften untersucht und sehr wahrscheinlich als „unzeitgemäß“ und „irrelevant“ bezeichnet werden. Fragen wie diese sind bereits viele Male gefragt worden und, obwohl der historische Wert natürlich unverkennbar ist, wird die Stellung dieser Stücke in der Gesellschaft vielleicht fallen. Madeline Miller, die Autorin des Bestseller-Buches Das Lied des Achill, hat diese Frage allerdings jetzt mittlerweile schon zum zweiten Mal mit einem lauten Ja beantwortet. Nach ihrem Erfolg mit Das Lied des Achill, hat sie nun einen zweiten Roman herausgebracht, der einen Teil der homereschen Epen erkundet: Circe. Und dieser Roman wird mindestens genauso erfolgreich wie der erste.

Madeline Miller hat sowohl ihren Bachelor als auch ihren Master in Altphilologie an der Brown Universität gemacht und sehr viel Erfahrung damit Griechisch und Latein an High Schools zu unterrichten. Sie hat außerdem studiert, wie man klassische Werke an die moderne Gesellschaft anpasst. Als Altphilologin gelingt es ihr, sowohl das Gefühl und den Ton der antiken griechischen Epen zu beschreiben, als auch gleichzeitig ihrer Handlung unglaublich relevant für die heutige Gesellschaft zu machen. Die unterschwelligen Töne in ihren Werken ergreifen das Interesse des Lesers und beschäftigen sich mit modernen Themen wie Rechte oder Identität, während sie gleichzeitig ein authentisches antikes (Setting) behalten.

Millers erster Roman, Das Lied des Achill, war ein riesiger Erfolg. Sie gewann unter anderem den 2012 Orange Prize for Fiction, der heute The Women’s Prize for Fiction heißt, der Roman selbst wurde sofort zum Bestseller. Miller erkundet die eher subtilen Nuances aus Homers Illias, vor allem die viel diskutierte Natur der Beziehung von Achilles und Patroclus, und erzählt dabei eine Geschichte mit so viel Tiefe und Kraft, dass jeder Leser sofort in ihren Bann gezogen wird.

Die Vorfreude auf ihren zweiten Roman war dementsprechend groß. Circe ist genauso aufregend wie Das Lied des Achill, die gleiche Energie ergreift den Leser; wenn das Buch einmal in der Hand ist, ist es sehr schwer es wieder wegzulegen. Circe erzählt die Geschichte der Hexe Circe, bekannt aus der griechischen Mythologie und natürlich aus Homers Odyssee, einer Tochter des Sonnengottes Helios. Obwohl sie sowohl bei ihren Verwandten sowohl äußerlich als auch innerlich als eher unscheinbar gilt, entdeckt Circe in sich eine mächtige Kraft und wird wegen dieser letztlich aus dem Haus des Helios verbannt, auf eine einsame Insel, Aiaia. Dort studiert sie ihre Kräfte und bleibt für sich, wird aber letzten Endes doch zurück in die Welt gezogen, die hart und unnachgiebig ist, besonders für eine einzelne Frau. Mit sowohl männlichem als auch göttlichem Ärger konfrontiert, lernt sie sich selbst und die um sie herum zu schützen, ist allerdings gezwungen ihren Platz in der Welt zu finden.

Millers berauschender Schreibstil allein würde dieses Buch zum Besteller machen, doch ihre großartige Fähigkeit jeden einzelnen Charakter so lebendig und glaubhaft wie nur irgend möglich zu beschreiben erschafft eine noch viel atemberaubendere Atmosphäre. Besonders angesichts der Tatsache, dass Homer nur wenig Platz an Circe und ihre Geschichte gewidmet hat, schafft es Miller auf herausragende Art und Weise diese wenigen Zeilen in einen fesselnden Roman zu verwandeln, der so relevant und wichtig für gesellschaftliche Fragen unserer Zeit, vor allem Feminismus, ist, dass es fast wehtut. Obwohl der Roman so stark an moderne Fragen anknüpft, behält Miller dennoch den brutalen, schonungslosen Stil der griechischen Antike, was die Leseerfahrung surreal, aber dennoch aufregend macht. Circe ist das perfekte Beispiel dafür, dass alte und neue Konzepte mühelos miteinander arbeiten können, wenn sie von der richtigen Person verbunden werden, und dass klassische Literatur immer noch relevant ist, wenn sie auf die richtige Art und Weise präsentiert wird. Jeder ist in der Lage Circe zu genießen, ungeachtet des Alters, Geschlechts oder Bildungsstandes.

Lea Hüntemann

2 comments

Rispondi