Das Humboldt Forum: Kolonialgeschichte im 21. Jahrhundert

 

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Ein neues Museum entsteht in Berlin. 2019 soll es unweit der sich gerade im Umbau befindenden Museumsinsel eröffnet werden. Das Humboldt Forum wird das neue Haus in dem das ethnologische Museum, das Museum für asiatische Kunst, sowie ein Berlin-Museum und das sogenannte Humboldt-Labor der Humboldt-Universität zu Berlin untergebracht werden sollen. Die Bauarbeiten sind noch voll im Gange, die ersten Exponate werden angeliefert und Besucher können sich in der sogenannten „Humboldt-Box“ erste Einblicke verschaffen, die Geschichte des Gebäudes verfolgen und auf einer Dachterrasse entweder auf die Geschäftigkeit um die Museumsinsel herum oder auf die neugebauten Fassaden des zukünftigen Humboldt Forums blicken.

An der Stelle, wo heute das Humboldt Forum steht, stand im 18. Jahrhundert das Berliner Stadtschloss. Ein imposanter Bau im barocken Stil, erbaut für die preußischen Könige und später auch für den Kaiser, der nach schweren Kriegsschäden in den 1950er Jahren von der DDR-Regierung abgerissen wurde und an dessen Stelle der sogenannte „Palast der Republik“ entstand. Dort tagte die Volkskammer der DDR, nebenbei gab es aber auch Freizeitangebote für DDR-Bürger. Dieser Bau wurde ebenfalls abgerissen und seit 2013 wird dort das Berliner Stadtschloss als Humboldt Forum wieder aufgebaut.

Eben dieser Wiederaufbau des barocken Baus des Berliner Stadtschlosses stößt vielen Menschen auf, ebenso wie die damit verbundene Unterbringung des ethnologischen Museums und des Museums für asiatische Kunst. Die beiden Museen waren bisher in Dahlem, nahe der Freien Universität Berlin, untergebracht und sollten jetzt auch im Zuge der Renovierung der gesamten Museumsinsel in diesen Museen-Komplex integriert werden. Viele kritisieren hierbei allerdings unter dem Motto „the west and the rest“, dass das ethnologische Museum und das Museum für asiatische Kunst sich ein Haus teilen, während den europäischen Kulturen und der europäischen Kunst mehrere Häuser zu Verfügung stehen.

Problematisch ist für viele außerdem der Ort und die Implikationen, die durch eine Unterbringung der ethnologischen Sammlungen in einem solchen Gebäude mit sich zieht. Im Winter 1884/85 wurde unter der Leitung von Reichskanzler Otto von Bismarck im Berliner Stadtschloss nämlich die Aufteilung Afrikas unter den damaligen Weltmächten beschlossen. Das heute dort die ethnologische Sammlung mit ihren Objekten aus teils fragwürdiger Herkunft einziehen soll, an einem Ort wo der Brutalität der deutschen Kolonialmacht die Türen geöffnet wurden, erscheint vielen eher ungeschickt. So setzt sich etwa die Initiative „No Humboldt 21!“ mit der Frage der Legitimität von ethnologischen Sammlungen im 21. Jahrhundert auseinander, denn wie bei den meisten Sammlungen dieser Art in der westlichen Welt, lässt sich nicht leugnen, dass diese unter dubiosen Bedingungen während der Kolonialzeiten zustande gekommen sind und es sich häufig bei den Exponaten um gestohlenes Kulturgut handelt. Diese Tatsache wird seit einiger Zeit immer wieder diskutiert, es gibt aus vielen ehemals kolonisierten Ländern Rückgabeforderungen von entwendeten Gegenständen und auch menschlichen Knochen die von Kolonialisten zu Forschungszwecken gesammelt wurden; doch nur in den aller-seltensten Fällen wird diesen Aufmerksamkeit geschenkt, geschweige denn Folge geleistet. Dabei kann heute logischerweise niemand mehr etwas für die Taten der Kolonialmächte belangt werden, doch gegen eine vollständige Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit dem Thema spricht nichts. Natürlich sind die Gegenstände heute auch Teil einer europäischen Kulturgeschichte, eben durch den Kolonialismus, und verständlicherweise möchten Museen sich nicht selbst auflösen indem sie alle ihre Sachen zurückgeben. Dennoch muss der Dialog mit den zu Schaden gekommenen Staaten gesucht und über mögliche Lösungen diskutiert werden. So gibt es zum Beispiel seit gut 80 Jahren Rückgabeforderungen für einen Thronstuhl aus dem ehemaligen Königreich von Benin (heute Benin-City im Süden Nigerias), denen bis heute nur in Form einer Kopie des Throns an die Königsfamilie in Benin-City nachgegangen wurde, die selbstverständlich von dieser selbst bezahlt werden musste. Dass in Fällen wo rechtmäßige Besitzer von gestohlenen Objekten heute noch ermittelt werden können und diese ihre Objekte auch wirklich zurück haben wollen, Rückgabeforderungen nicht ignoriert werden können, sollte eigentlich klar sein. Dennoch sind Rückgaben sehr selten und die Diskussion darum wird häufig vermieden, genau daran sollte dringend gearbeitet werden. Und auch, ob es Staatsoberhäupten aus Namibia oder Tansania so gut gefallen wird bei Auslandsreisen nach Deutschland in Berlin die gestohlenen Kulturobjekte aus ihrem eigenen Land in einem barocken Prunkbau ihrer alten Kolonialherrscher zu bewundern sei mal dahingestellt.


Dabei bezeichnet das Humboldt Forum sich selbst als einen Ort der Weltoffenheit, eine Kunstkammer in der in Zukunft über die eigene Kultur und andere gelernt werden kann, es Vorträge geben und die Forschung im Vordergrund stehen wird. Der Idee eines Ortes für interkulturellen Austausches ist natürlich nichts entgegenzusetzen, im Gegenteil. Es wäre mal angebracht, die koloniale Geschichte Europas — und das schließt Deutschland mit ein — aufzuarbeiten, deshalb wäre ein Ort wie das Humboldt Forum perfekt geeignet um sich mit zeitgenössischen Themen aber auch der Kolonialzeit auseinanderzusetzen, aber die Grundvoraussetzungen die jetzt geschaffen werden tragen einfach einen bitteren Beigeschmack mit sich, zumal von Vergangenheitsbewältigung und offenem Dialog zu Exponaten aus fragwürdigen Umständen bisher nicht die Rede zu sein scheint. So ist beispielsweise das Alte Museum, gegenüber des Humboldt Forums, im Stil eines griechischen Tempels rein architektonisch schon sehr ansprechender gebaut und scheint förmlich zum Dialog und zur Diskussion einzuladen, während die elitär erscheinenden Fassaden des Humboldt Forums nicht unbedingt diesen Effekt haben. Dass an diesen nun wirklich nicht mehr viel geändert werden kann ist offensichtlich, dennoch wäre es wünschenswert, wenn sich die Verantwortlichen für das Humboldt Forum dem Dialog öffnen und die Zukunft der Objekte ausdiskutieren würden. Das Humboldt Forum steht somit exemplarisch für eine längst überfällige Diskussion zu den Überresten der Kolonialzeit mit der sich die gesamte westliche Welt beschäftigen und der sich niemand verschließen sollte.

Lea Hüntemann


Bibliographie:

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