Ein Karneval der Kulturen

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Berlin feiert keinen Karneval, zumindest nicht dann, wenn es die Anderen tun. Um Aschermittwoch herum ist es erstaunlich still in der Stadt; keine Kamelle, keine abgeschnittenen Krawatten zur Weiberfastnacht – anders als in anderen Teilen Deutschlands und der Welt. Dafür geht es in Berlin auch dieses Jahr wieder am Pfingstwochenende bunt zu. Der Karneval der Kulturen ist ein Straßenfest, das seit über 20 Jahren eine friedliche Demonstration zugunsten der Welt darstellt, er feiert die Vielfalt, und das  sehr bunt und laut. Seit 1996 existiert das Fest, damals als Antwort auf die ersten großen rassistisch motivierten Ausschreitungen in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg, den Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen bei denen ein Wohnheim für vietnamesische Asylbewerber mit Molotov-Cocktails in Brand gesetzt wurde. Auch heute ist der Karneval als Demonstration zu sehen, als friedliche und fröhliche Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Themen, die Spaß machen und gleichzeitig den Blick auf die kulturelle Vielfalt in Berlin lenken soll. Das Pfingstwochenende wird deshalb jedes Jahr genutzt, um Raum für Berliner Vereine und Communities zu schaffen, damit diese sich ausleben, über relevante Themen sprechen und auf sich aufmerksam machen können. Der Karneval ist eine Veranstaltung für „Menschen jeden Alters mit jedem kulturellen Hintergrund aus jedem Kiez Berlins [die hier] die Gelegenheit [haben] mit ihrem Anliegen sichtbar für die Welt zu sein“ (karneval-berlin.de).

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Die vier Tage des Pfingstwochenendes wurden auch dieses Jahr wieder ausgiebig genutzt. Wie jedes Jahr gab es auch 2018 wieder verschiedene Locations an denen unterschiedlichste Darbietungen angeboten wurden. Den Höhepunkt bildet natürlich der Umzug am Pfingstsonntag, der dieses Jahr bei strahlendem Sonnenschein um 12:30 Uhr mit 300 Tänzerinnen und Musikern des Sapucaiu no Samba startete und bis 21:00 Uhr die drei Kilometer zwischen Yorckstraße/Großbeerenstraße und dem Hermannplatz in Kreuzberg hinuntertanzte. Über 4000 Mitglieder in 66 Wagen haben sich dem heißen Wetter gestellt und lautstark mit Musik und Tanz auf sich aufmerksam gemacht. Eine Weltreise durch Musik und Tanz soll es sein, und das ist es auch gewesen. Mit den Umzugswagen können Teilnehmer und Vereine das ausdrücken und ansprechen, was sie wollen und während der allgemeine Fokus auf der Feier menschlicher Vielfalt liegt und somit automatisch zeitgenössische Themen wie Globalisierung und etwa die Flüchtlingskrise anspricht, gibt es auch Gruppen, die sich explizit für politische Themen einsetzen. Insgesamt sind in diesem Jahr 13 Wagen dabei die sich mit ihrer Inszenierung beispielsweise für Solidarität mit Nicaragua, Frauenrechte und Meinungsfreiheit oder gegen Kürzungen im Jugendbereich einsetzen. Neben dem politischen und dem kulturellen Austausch sprechen Vereine und Communitites aber auch an, was ihnen sonst wichtig ist, oder worauf sie ein Auge richten wollen; so hat etwa die Gruppe Love Korea! versucht mehrere Generationen miteinander zu verbinden und Carnival Explosion sogenannte Steel Pans aus Trinidad und Tobago vorgestellt, ein Instrument das seit den 1930er Jahren aus ausgedienten Ölfässern gebaut wird und heute in Wettbewerben mit ganzen Steel Pan-Orchestern gespielt wird.

Als Möglichkeit um alle, die sich über das Jahr hinweg kulturell und integrativ engagiert haben zu bestärken und zu feiern, bietet der Karneval der Kulturen eine hervorragende Möglichkeit diese harte Arbeit ausgiebig wertzuschätzen und den kulturellen Reichtum Berlins zu zeigen. Der freie Eintritt ermöglicht es auch wirklich jedem der möchte teilzuhaben und das waren dieses Jahr alleine 600 000 Menschen die am Umzug dabei waren und insgesamt über eine Million, die den Karneval der Kulturen besuchten. Finanziell gesichert ist das Fest übrigens seit diesem Jahr durch den Senat, die Kulturverwaltung stellte für den Karneval 830 000€ bereit und schenkt der Veranstaltung einen festen Haushaltstitel. So wird auch in den nächsten Jahren ein Karneval der Kulturen stattfinden können. Die Präsentation dessen, was im Vorjahr auf die Beine gestellt wurde, wird schließlich auch einer Jury vorgeführt, die sieben Gruppen in verschiedenen Kategorien würdigt. Die Kategorien teilen sich in eine Würdigung für Nachhaltigkeit,  den besten Tanz und/oder die beste Musik, die beste Kinder- und Jugendgruppe, die beste Gesamtformation, die besten Kostüme, Requisiten und Figuren, das beste Thema und die beste Umsetzung, ebenso wie in den besten Wagenbau auf.

Neben dem Umzug fand an den anderen Tagen auch zahlreiches Kulturprogramm an und um den Blücherplatz herum statt. In der Heilig-Kreuz-Kirche wurde Musik aus aller Welt gespielt und verschiedene Pfingstgottesdienste abgehalten, es gab verschiedene Locations an denen Konzerte gespielt, Straßentheater vorgeführt oder Partys veranstaltet wurden. Ein Kinderkarneval, der zwar an den Karneval der Kulturen anknüpft aber selbständig organisiert und verwaltet wird, hat sich mit dem Bienen- und Insektensterben unserer Zeit unter dem Motto „Sag mir wo die Bienen sind, wo sind sie geblieben?“ auseinandergesetzt. An insgesamt 300 Ständen wurde Essen und Kunstgewerbe aus aller Welt verkauft und im sogenannten „Grünen Bereich“ fanden sich Workshops, Läden und Infostände von Organisationen die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit und Umwelt-und Klimaschutz beschäftigen.


Laut der Berliner Polizei und Feuerwehr, die großräumig im Einsatz waren, blieb die Stimmung bis auf ein paar einzelne Auseinandersetzungen sehr friedlich, mit vielen geschminkten und verkleideten Zuschauer die gemeinsam die Tage genießen konnten und eine gute Zeit hatten.

Lea Hüntemann

Bibliographie

Foto: © Kirsten Hermann & Julia Grass 2018; © Anna Bahcivanoglu 2018

 

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