Brexit: Mögliche Auswirkungen des Austritts Großbritanniens aus der EU auf die europäische und britische Archäologie

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Das Resultat des Brexit-Referendums vom 20. Juni 2016 ist für viele ein Schock und für manche ein Weckruf gewesen. Stimmen wurden laut an dem Konzept der EU müsse gearbeitet werden und deutlich wurde auch, dass andere EU-Länder ebenfalls mit euroskeptischen Stimmen innerhalb ihrer Politik und Bevölkerungen zu kämpfen haben. Bisher sieht es nicht nach einem Massenaustritt aus der EU aus, es bleibt abzuwarten wie die Verhandlungen zwischen Großbritannien und der Europäischen Union ausfallen, und wie die Beziehungen hinterher aussehen werden. Zu diesem Zeitpunkt ist noch nicht allzu viel konkretes bekannt, doch die unterschiedlichen Zweige, die sich jetzt entwirren müssen, geben Prognosen dazu ab was sich ändern wird und ob beziehungsweise in welchem Ausmaß weiterhin zusammengearbeitet werden kann. Ein Feld, welches schwer vom Brexit getroffen werden wird, ist die Archäologie. Als Kulturwissenschaft ist sie eine Disziplin die sich aus verschiedenen anderen Wissenschaften, wie etwa Anthropologie, Geologie, Biologie oder Chemie und Physik zusammensetzt und traditionell auf den kulturellen Austausch und internationale Förderung angewiesen ist.

Generell setzt die Archäologie voraus, dass man sich über Ländergrenzen hinweg verständigt, da vorzeitliche Kulturen sich bei ihrer Ausbreitung selten an heute bestehende Grenzen gehalten haben und sich ganzheitliche Bilder zu unterschiedlichen Kulturgruppen und Epochen nur durch enge Zusammenarbeit der verschiedenen Länder erschließen Der Austritt Großbritanniens aus der EU bedeutet somit eine deutliche Erschwernis der Zusammenarbeit auf einem internationalen Level. Momentan stammen 22% der Mitarbeiter an den archäologischen Instituten in britischen Universitäten aus EU-Mitgliedsstaaten, ihre Zukunft als Mitarbeiter der Universitäten ist ungewiss. Ein weiteres Beispiel für diese Form der Zusammenarbeit ist das Projekt „Rome’s Mediterranean Ports“ (ROMP) der University of Southampton. An an diesem Projekt sind zwölf verschiedene Organisationen in Großbritannien, Italien, Frankreich, Österreich, Deutschland und Spanien beteiligt, die an über 30 verschiedenen Ausgrabungsstätten im Gebiet des ehemaligen Römischen Reiches forschen. Dementsprechend werden die Mitarbeiter dieses Projektes an verschiedenen Orten eingesetzt, das Prinzip der Arbeitnehmerfreizügigkeit für Staatsangehörige aus EU-Mitgliedsstaaten in der EU liefert für diese Form der Zusammenarbeit die perfekte Basis. Bei einem Austritt aus der EU wird Großbritannien dieses Recht verlieren und Projekte dieser Art werden ab dann deutlich schwieriger zu realisieren sein, besonders von Seiten der britischen Archäologen, die mehr Hindernissen bei der Einreise nach Europa entgegenblicken und es somit nicht mehr problemlos zu einem kulturellen Austausch von Fähigkeiten und Wissen kommen kann. Hinzu kommt, dass das Projekt weitgehend durch einen Vorschuss von 2,5 Mio. Euro des European Research Council (ERC) von der Europäischen Union finanziert wird. Diese finanzielle Unterstützung ermöglicht es, dass neben Forschern, Post-Doktoranden und Doktoranden der University of Southampton auch Mitarbeiter der University La Lumière Lyon 2 finanziert und die Grabungskosten der beteiligten Universitäten Kiel und Köln sowie der Istanbul-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts gedeckt werden konnten.

Für die britische Archäologie bedeutet demnach ein Austritt aus der EU auch den Verlust von Geldern, die von EU-Gremien gestellt und bewilligt werden. Dazu kommt, dass seit der Finanzkrise von 2008 die Anzahl der Studierenden, die Studienfächer wie die Archäologie studieren, also Fächer gemeinhin als eher zukunftsunsicher bezeichnet werden, deutlich zurück geht. Zukunftsunsicher in diesem Fall soll heißen, dass das Studium der Archäologie mit sehr viel Arbeit und nur bedingt mit großer finanzieller Sicherheit verbunden ist. Es gibt eher wenige Festanstellungen und viele Studierende sehen in ihrem Studium heutzutage weniger ein Interessenstudium als eine Zukunftssicherung. Durch den Rückgang der Studierendenzahlen kam es in universitären Programmen zu massiven Kürzungen und das, obwohl das rezente Wachstum von Großbrauprojekten, wie den Ausbau einer dritten Autobahn für den Flughafen Heathrow, eigentlich bedeutet, dass das Land mehr ausgebildete Archäologen und finanzielle Unterstützung braucht um diese Projekte archäologisch zu begleiten. Bei solchen Baumaßnahmen muss immer damit gerechnet werden, dass bisher unentdeckte Bodendenkmäler offenbart werden. Wie bereits erwähnt, hat das Prinzip der Arbeitnehmerfreizügigkeit bisher zugelassen, dass Arbeitskräfte aus anderen europäischen Ländern für solche Projekte einberufen werden können. Für die nötige finanzielle Unterstützung solcher Projekte war bislang in vielen Fällen die EU zuständig. Es gibt etliche Programme der EU zur Förderung des kulturellen Erbes, so hat etwa die bisherige Forschungs- und Innovations-Bestimmung (das sogenannte 7th Framework) zwischen 2007 und 2013 170 Mio. Euro für Forschungszwecke zu Verfügung gestellt. Andere Programme sind etwa das Creative Europe programme, EUROPEANA oder auch das Erasmus+ Programm an europäischen Universitäten, dass den kulturellen Austausch von Studierenden ermöglichen soll.

Laut der Higher Education Statistics Agency stammen insgesamt 38% der Forschungsgelder für die archäologische Forschung Großbritanniens aus EU-Zuschüssen, das sind etwa 8,7 Mio. Euro. Seit den Jahren 2014/15 ist die britische Archäologie besonders auf die Zuschüsse der EU angewiesen, da zwischen den Jahren 2006/07 und 2014/15 die Unterstützung durch die britische Regierung und Industrie erheblich zurückgefahren wurde. Konkret sieht es so aus, dass nachdem in den Jahren 2006/07 noch 43% des Gesamthaushalts (6,8 Mio. Pfund) durch die britische Regierung gestellt wurden, waren es in den Jahren 2014/15 nur noch 26% (5,9 Mio. Pfund). Ebenso sieht es bei der Unterstützung durch andere britische Regierungszweige wie Kommunalverwaltungen und Gesundheitsbehörden aus; wo hier 2006/07 noch 21% des Gesamthaushalts (3,4 Mio. Pfund) gestellt wurden, sind es 2014/15 noch 6% (1,3 Mio. Pfund).

 

2006/07 2014/15
Britische Zentralregierung 6,8 Mio. Pfund 5,9 Mio. Pfund
Kommunalverwaltungen etc. 3,4 Mio. Pfund 1,3 Mio. Pfund
Britische Industrie 4,8 Mio. Pfund 3,9 Mio. Pfund

 

Diese Umschichtung der Forschungszuschüsse liegt vor allem daran, dass sich britische Archäologen viele Zuschüsse der EU für ihre Projekte sichern konnten und die Regierung die Gelder daher immer weiter zurückgeschraubt hat. So erhält beispielsweise das McDonald Institute for Archaeological Research der University of Cambridge 70% ihres Gesamthaushalts, also knapp 7,5 Mio. Pfund von insgesamt 10,5 Mio. Pfund, aus EU-Mitteln.

Neben dem Verlust von dringend benötigten finanziellen Mitteln bedeutet ein Austritt aus der EU für die britische Archäologie auch, dass Vorschriften und Protokolle, die von der EU beschlossen wurden, nicht mehr gelten und erst von der britischen Regierung neu beschlossen werden müssen. Es gibt keine Rechtsgrundlage für den Schutz von Denkmälern und Bodendenkmälern auf EU-Ebene, aber EU-Regulationen zum Schutz von Kulturgütern und historischen Monumenten. Sollten nach dem Brexit also etwa die ökonomischen Vorteile beispielsweise eines Bauvorhabens oder den Ausbau der Infrastruktur den Kulturgüterschutz überwiegen, könnten archäologische oder denkmalpflegerische Aufgaben und Bedürfnisse in den Hintergrund geraten. Dies vor allem, wenn für diese Bereiche ohnehin nicht genügend Geld da ist. Eigentlich muss bei jeder größeren Baumaßnahme, wie der Bau von Häusern und Straßen, im Vorfeld oder begleitend ein archäologisches Team den Boden auf Bodendenkmäler untersuchen und bei besonderen wichtigen Funden kann es durchaus zu Baustopps oder Bauverboten kommen. Deshalb wird die Archäologie sowieso häufig als ausbremsend für die Wirtschaft angesehen und ohne notwendige Regulationen oder Vorschriften könnte es nach dem Brexit dazu kommen, dass der Schutz von Kulturdenkmälern bei einem entsprechenden Vorteil für die Wirtschaft erst einmal außen vorbleibt. Hinzu kommt auch, dass durch den Austritt Großbritanniens aus der EU, die finanzielle Unterstützung durch Regulationen wie den Common Agricultural Act ausbleibt, der umweltschützenden und möglichst nicht-invasiven Ackerbau unterstützt. Die bisher davon profitierenden Landwirte könnten dann auf billigere Methoden umsteigen, die der Umwelt oder archäologischen Bodendenkmälern schaden könnten.

Betrachtet man die Gesamtheit dieser Faktoren wird deutlich, dass der Austritt Großbritanniens aus der EU vor allem Nachteile für die britische Archäologie bringen wird. Die fehlende finanzielle Unterstützung wird sich negativ auf die Forschung und die Lehre an Universitäten auswirken und der Verlust des freien Zugangs zum europäischen Arbeitsmarkt sowie die Arbeitnehmerfreizügigkeit wird den Handlungsspielraum der Archäologie deutlich einschränken. Umgekehrt wird durch das Ausbleiben der Gelder aus Großbritannien an die EU ein wesentlicher Teil des Gesamthaushaltes, den die EU archäologischen Projekten in anderen Ländern zukommen lassen kann, fehlen. So ist zu befürchten, dass der Brexit ein tiefer Schlag für die Archäologie Europas an sich sein wird, der die internationale Zusammenarbeit deutlich erschweren und viele Forschungsvorhaben vielleicht unmöglich machen wird. Auch Großbritannien selbst wird die Archäologie wieder mehr auf die Förderung durch ihre eigene Regierung angewiesen sein und die Zukunft wird zeigen inwiefern die britische Regierung bereit sein wird, inmitten von anderen politischen und wirtschaftlichen Problemen die sich nach dem Brexit ergeben werden, auch Unterstützung für auf den ersten Blick vielleicht unwichtigen Disziplinen wie der Archäologie bereitstellen wird.

Lea Hüntemann


Foto © Eva W. Maciejewski 2018
Bibliography

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